Geniale Ausstellung „Wege des Barock“ im Museum Barberini in Potsdam



Fassade Museum Barberini Palast Potsdam Wege des Barock Berichterstattung Trendjam MagazinDie „Wege des Barock“, oder wie das Museum Barberini in Potsdam seine Wurzeln sucht. Die derzeitige Ausstellung im Barberini in Potsdam ist noch ein paar Tage geöffnet. Das Wort Museum oder Palais wird im Potsdamer Sprachgebrauch schon weggelassen. Anders als noch vor drei Jahren weiß nun (fast) jeder, der nur irgend etwas mit der Stadt zu tun hat, was „Barberini“ ist. Ähnlich wie bei einem TESLA, den kannte bis vor kurzem auch noch keiner. Ok, ein paar Abiturienten alter Schule, den Nikola.

Wieder einmal ist alles hervorragend inszeniert. In Potsdam. Diesmal sind es nicht die vielen Claude Monet Heuschober, die mich fast umgehauen haben. Diesmal war es das Deckengemälde im Palast, im Schloss, im Museum Barberini in Potsdam. Ein Deckengemälde? Ja, ich kenne den „Trick“ schon ein paar Jahre, aus einer Berlin-Steglitzer Einkaufsmeile. Dort schwimmen meist Fische an der riesigen Decke. Jemand kam nun auf die Idee, die Projektion des Deckenfreskos aus dem echten Palazzo Barberini in Rom, an die Decke des ersten Saales der „Wege des Barock“ – Ausstellung zu beamen. Und es wirkt, es wirkt phantastisch!

Das Barberini, das Familienwappen: drei Bienen und ein Lorbeerkranz

Ein dunkelbraun gehaltener Saal, gleich im Erdgeschoß. Meist erwachsene Besucher liegen hier verzückt auf mehreren runden, braunen Sofas. Mitten im Saal. Mit den Köpfen auf großen, dunklen Nackenrollen und sie lauschen den Erläuterungen der Audiogeräte. Man denkt unweigerlich: Die hat es auch umgehauen. Mehrere, wirklich lichtstarke Beamer, projizieren das riesige, dennoch verkleinerte, italienische Deckengemälde von Pietro da Cortona in den Erdgeschoß-Himmel des Potsdamer Barberini. Wulstige Personen, viele Muskelmänner und mit exaktem Faltenwurf bedeckte Damen. Das Fresko stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert, aus dem Audienzsaal des Palazzo Barberini in Rom. [..] „das Deckenbild im Gran Salone sollte[n] die Größe [die Macht] einer der bedeutendsten Familien Roms zeigen.“ Dieser Effekt funktioniert natürlich auch in Potsdam. Vielleicht sogar heute noch besser, da durch die moderne Beamer-Projektion das Deckengemälde aus sich heraus leuchtet. Denn die Besucher, das unterstellen wir jetzt einfach einmal, wissen vielleicht um die Geschichte des Hauses Barberini in Rom, nicht so um die machtpolitischen Einzelheiten der vergangenen Jahrhunderte. Und das dann noch aus Italien.
Im diesem ersten Raum stehen nur ein paar flache Vitrinen. An den Wänden hängen, hier im ersten Saal der Potsdam Ausstellung, keine Gemälde. Doch mit gut lesbaren, hellen Lettern an den Wänden gibt es die grundlegenden Erläuterungen zur folgenden Ausstellung: „Eine Ausstellung der Galerie Nazionali Barberini Corsini, Rom, in Zusammenarbeit mit dem Museum Barberini, Potsdam. Unter der Schirmherrschaft von S.E. Luigi Mattiolo, Botschafter der Italienischen Republik in Deutschland. Mit 54 Meisterwerken des römischen Barock sind die Nationalgalerien Barberini Corsini, Rom, zu Gast im Museum Barberini in Potsdam.“

Gemälde aus Italien in Potsdam

Die Beleuchtung der vielen Werke im Potsdamer Barberini klappt total super. Erstaunlich was Spots und Scheinwerfer von heute aus den alten Gemälden herausholen. Der Barberini-Fotograph hat das leider für den Katalog der Ausstellung nicht so gut hinbekommen. Das Foto der Lucretia, im Katalog zur Ausstellung, der neben dem Gemälde auf der Bank liegt, ist leider nur grau. Und im Gegensatz zur barocken, farbigen Figur auf dem echten Gemälde, auch kalt.

Total nett, zwei mal die büßende Magdalena auszustellen. Einmal richtig gut verheult und dann mit barocker Zellulitis. Googeln Sie den Begriff bloß nicht! Da gab’s damals schon prima Gesprächsstoff. Wenn sogar auf den bedeutenden Gemälden bei Hofe die Mädels ihre Tränen kullern lassen. Immer die gleichen Probleme!

Beginnen wir hier mit Gemälden aus Potsdam. Sie sind in der „Wege des Barock“ – Ausstellung zu sehen, und stammen eigentlich aus dem Neuen Palais in Sanssouci. Die folgende Geschichte stimmt bestimmt auch nicht:
Für die großen wichtigen Termine gab es im Neuen Palais den Spiegelsaal. Ja, der mit dem „geborgten“ Design aus dem Schloss Versailles. Für die interneren Feste, sagen wir „Familienfeiern„, gab’s im Neuen Palais den schöneren Tanzsaal, in der ersten Etage. In einem wirklich gelungen Ambiente, mit verschiedenen edlen Hölzern auf dem Fußboden. Ein warmer Raum, mit einem heute noch vernehmbaren Geruch, sogar Duft. Wiedererkennungswert und Alleinstellungsmerkmal. In der Raumgestaltung die Epoche des Übergangs, zum Ende des 18. Jahrhunderts, vom verspielten Rokoko zum klaren Klassizismus. Die warmen Farben und das sparsame Gold geben dem Raum etwas wirklich warmes, familiäres. Und eine ganz eigene Ausstrahlung. Kein Deckengemälde, ja Gold, aber aufkommender Klassizismus.

Gemälde aus dem Neuen Palais in Potsdam

Der König musste den „Kasten“ [das Neue Palais], nach den vielen Kriegen, irgendwie fertig kriegen. Den oberen Tanzsaal für die „Familienfeiern“ preparieren, denn das „Neue Palais in Sanssouci“ war Familienwohnschloß der Friedrich-II-Familie. Wie würde man das heute hinbekommen? Mit viel Licht, Scheinwerfern, Beamern, Projektionen. Das gab’s damals aber noch nicht, und daher holte sich der König, Wandbilder in den Saal. Die gab es in besonderen „Läden“ schon zu kaufen. Und da hat man dann irgendwann beschlossen, dass hier weniger Spiegel an die Wände kommen. Spiegel wirken oft in großem Maße kalt, und das gab’s ja genau eine Etage tiefer schon im Spiegelsaal. Es sollte oben gemütlich werden, damit sich die Partygäste auch wohl fühlten, musste Farbe ins „Zimmer“.

Man kaufte für die obere Galerie also bunte Bilder, ruhig mit ein bischen biblischer Geschichte, griechischer Mythologie. Man nahm Themen, die Gesprächsstoff boten. Batseba beim Bade. Das kam gut. Es sollte bunt sein, und nicht so teuer. Die Künstler waren eigentlich egal. Wenn aber die Namen vielleicht doch etwas hermachten? Italienische Namen. Die Gemälde wurden zugeschnitten, sie sollten ja in die Wand passen.

Noch ein Urteil des Paris. Ein Bild mit Lucretia, und auch ein Diogenes. Zum Fest dann vielleicht ein rheinhessischer Grauburgunder, oder ein ungarischer Tokajer, ein südafrikanischer Constantia oder doch ein französischer Bergerac? Charly aus Two and a half men ging hier zur Schule. Und das damals, alles in akzentfreiem Französisch. Die deutsche Sprache war bei Hofe zu Zeiten Friedrichs echt verpöhnt. Die Sprach-Mode kam aus Frankreich.

Die italieneischen Gemäldelieferanten wussten damals schon ganz genau, was gut zu verkaufen war. Man sollte heute nicht zu viel Kunst und Kultur [!] in die Ausstattung des Potsdamer „Palais-Kastens“ hinein interpretieren. Ab geht die Rokoko-Party, und die Party geht ab. Damals schon.

Gemälde aus Italien in Potsdam

Eine Sache aber stimmt bestimmt: Wahrscheinlich hätte der König die zwei „Gentileschi Gemälde“ im Neuen Palais nie aufgehangen. Damals, wie heute, gab’s natürlich schon Gendergedanken. Niemand wusste bis vor kurzem, dass Andr…. Gentelechi eine Malerin, eine Frau war! Der italienische „Laden“ sagte nichts, er wollte ja verkaufen.
Wir blicken von hier in mehrere Zeitfenster des 17. und 18. Jahrhunderts. Italien, Preußen. Und dann war da war noch die Maltechnik, kräftig in ihrer Entwicklung begriffen. Die Frage war doch: Wer konnte was darstellen? Wie genau waren die gemalten „Fotos“ dieser Zeit? Im Mittelalter zeigen die Gemälde oft noch technisches Unvermögen bei der praktischen Realisierung. Klar Ausnahmen, gab’s und gibt’s immer.

Die Ausstellung: „Wege des Barock“ – eher für Erwachsene. Der Eintritt ist für alle Millenials der Z-Generation im Barberini schon immer frei. Doch ich möchte wetten, die lieben Yolos der aktuellen FFF-Kids können mit der gesamten, gezeigten Ausstellung herzlich wenig anfangen. So waren auch am Wochenende, und in den Ferien, kaum Kids zu sehen. Eigentlich sind im Potsdamer Barberini nur die Babyboomer. Die Yolos haben ganz andere digitale Interessen, und freuen sich schon auf den nächsten Besuch von Greta, um gemeinsam wieder einmal die Freitagswelt zu retten.

Übrigens: Neben dem selbstverliebten Caravaggio-Narziss aus der Ausstellung, gibt es in Potsdam noch einen richtigen Narziss-Brunnen. Diese Skulptur von Hubert Netzer aus dem Allgäu steht dauerhaft in einem der Innenhöfe im Schloss Cecilienhof in Potsdam. Die Narzissenproduktion läuft also.

Wie dem auch sei, wieder eine prima Ausstellung, noch bis zum 6. Oktober 2019. Sie sollten unbedingt hingehen!

 


Fotos: TrendJam
, ,